Hamburger Abendblatt

Multikultureller Alltag

24. Juli 2010

Es ist heiß. Sehr heiß. Das Thermometer am Dupont Circle zeigt 104° Fahrenheit, also 40° Celsius. Viel trinken ist angesagt. Also haben die Getränkeverkäufer reichlich Zulauf. So auch Starbucks, der Platzhirsch. Die Warteschlange ist schon beträchtlich. Nun wird sie aber richtig lange. Der Grund: eine sich durch ihre Kopf und Körper verhüllende Kleidung auch äußerlich zu ihrem Glauben bekennende Frau ist unschlüssig. Mehrmals wechselt sie ihre Bestellung. Mal will sie Eis, dann doch wieder nicht. Erst will sie Mocca, dann doch lieber Karamell. So eine richtig unbeholfene Konservative. Denkt der vorurteilsbelastete Europäer. Dann hat sie, was sie will. Nimmt ihre drei Getränke. Geht hin zu ihrem Tisch. An dem sitzen bereits zwei mehr als gut aussehende, junge, urbane, topmodisch gekleidete David Beckham-Typen, als wären sie Klonen des frühen Spice Boys. Die Frau verteilt die Plastikbecher, nimmt Platz, und subito geht es los mit Geschnatter (im amerikanischen Slang der Einheimischen) und Gelächter. Wenn das der moderne Konservatismus sein soll, dann lohnt es sich, alte Vorurteile über Bord zu werfen.

5 Reaktionen zu “Multikultureller Alltag”

  1. Hans Prömmam 25. Juli 2010 um 14:17 Uhr

    Herr Professor Straubhaar, Ihr Beitrag erinnert mich an einen Ihrer Vorträge, den Sie an der Universität der Bundeswehr in Hamburg vor ca. 10 Jahren (als Gastlaudatio) hielten. Auch dort schlossen Sie vom Einzelfall zum Allgemeinen und empfahlen der Universität und dem Staatswesen die Handlungsweise des Fussballvereins „Bayern München“, welcher offen für alle Kulturen und Nationen sei und dadurch die besten Spieler weltweit rekrutieren könne und somit sehr wettbewerbesfähig geworden wäre. Damals schon haben Sie den Unterschied zwischen der mikroökonomischen Brille und der staatspolisichen Sicht großzügig übersehen. Wenn ich nun Ihre Geschichte von der mondänen Burka-Trägerin lese, dann kann ich nicht umhin, diesen drolligen Einzelfall auf seine allgemeinpolitische Relevanz zu hinterfragen.

    Was wollen Sie uns damit eigentlich sagen? Dass es niemanden zu stören braucht, wenn kompeltt verhüllte Frauen unter uns leben? Dass diese unter Umständen ganz attraktiv sein können, vielleicht sogar gebildet, froh und weltoffen? Das mag alles richtig sein und sagt doch nichts über die politische Relevanz der Szene aus.

    Wichtig bei deren politischer Bewertung sind drei Fragen: 1. Wie möchten wir leben, d.h. welche Werte, Normen und Sitten sollen unser Gemeinwesen prägen? 2. Welcher Identitäts-Gruppe („Wir-Gefühl“) gehört die Burkaträgerin an und 3. Was für Auswirkungen hat diese Gruppe auf unser Staatswesen?

    Sagen Sie jetzt bitte nicht, dass die islamischen Gruppen in den nächsten 50 Jahren keine Auswirkungen auf die europäischen Gesellschaften haben weden – sie werden dann nämlich die (homogene?) Mehrheit der Bevölkung in manchen Staaten stellen. Wollen Sie nach deren Regeln leben? Sind Sie sicher dass die unseren Kindern erlauben werden, weiterhin nach unseren Regeln zu leben? Kennen Sie die gruppendynamischen Prozesse, die bis dahin ablaufen werden? Wissen Sie genau, was dieses Experiment unseren Kindern bringen wird?

    In meiner Jugend, die ich auf dem Balkan verbracht habe, bekamen wir Gustave Le Bon’s „Psychologie der Massen“ zu lesen. „Vergilbte Ansichten“, dachte ich damals. 1995 mußte ich als Bundeswehroffizier entsetzt erleben, dass es im relativ freiheitlichen, multikulturell und westlich geprägten Jugoslawien plötzlich keine Nachbarn und keine sozialen Gruppen mehr gab, sondern nur noch Nationen und Religionen, die sich – unabhängig von Bildungsgrad oder Nachbarschaft – bestialisch bekämpften. Auch dort gab es vor dem Bürgerkrieg tausenfach ähnlich schöne Szenen, wie bei Starbucks… Herr Professor, schließen Sie bei politischen Bewertungen nicht vom Einzel- zum Allgemeinfall. Lesen Sie Carl Schmitt und Gustave Le Bon (und ggf. auch Canetti) und setzen Sie nicht voraus, dass im 21. Jahrhudert in Europa alle Veränderungen gewaltlos geschehen werden.

    Und noch eine Frage zum Schluß: Sie setzen in Ihrem Beitrag den Konservatismus mit Islam gleich Das ist sehr subtil, aber in meinen Augen unzulässig. Warum tun Sie es?

  2. Andreas Kitzingam 28. Juli 2010 um 20:32 Uhr

    Was wäre denn so schlimm, wenn wir in einer heterogenen Gesellschaft leben, die auch von islamischen Traditionen beeinflusst wird?
    Ich denke, dass auch beim Mischen von Kulturen das darwinsche Prinzip „survival of the fittest“ gilt. „Gute“ Werte und Traditionen setzen sich durch, „schlechte“ verlieren an Bedeutung.
    Ich für meinen Teil freue mich auf jeden Fall, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben, die genauso bunt zusammen gesetzt ist wie unsere Nationalmannschaft. Ich freue mich, 10 Meter neben einer spanischen Tapas-Bar, 30 Meter neben einem Irish Pub und 100 Meter neben einem türkischen Imbiss (Döner… Kumpir… lecker) zu leben. Auch weniger offensichtliche Einflüsse finde ich begrüßenswert; zumindest kann uns ein bisschen mehr orientalische Gastfreundschaft oder Respekt vor der Familie bestimmt nicht schaden.

  3. Hans Prömmam 30. Juli 2010 um 01:33 Uhr

    Herr Kitzing,

    im „Mischen von Kulturen“ habe ich einige Erfahrung, da selbst ein „Mischling“. In größerem Maßstab, musste ich leider in den 80er Jahren das Endergebnis eines solchen historsichen Prozeses, nämlich den Untergang (durch Massenauswanderung der Bewohner nach 200jährigen „Mischversuchen“) des ehemals deutschen Teils von Siebenbürgen miterleben. Ich kann mich immer nur wundern, wie naiv ihr „Westdeutschen“ an dieses hochriskante (und ab einem bestimmten Punkt nur noch durch Bürgerkrieg reversible) Experiment herangeht. Es muß etwas mit dem Heranwachsen in der damaligen „Friede-Freude-Eierkuchen-und-allgemeiner-Wohlstand-Bundesrepublik-West“ zu tun haben, denn viele aus meinem Umfeld blicken, genau so wie Sie, arg- und sorglos in die Zukunft des Multikulti-Experiments.

    Beim Mischen von Kulturen ist es langfristig leider immer so, daß eine sich durchsetzt und die andere – bis auf wenige Spuren – asisimiliert wird. Das kann durch „Paralellgesellschaften“ verhindert werden, diese bergen aber hohes Konfliktpotential. Auch gibt es im „Verkehr“ der Völker kein „gut“ und „schlecht“. Nicht Bildungsstand oder Effektivität und Effizienz setzen sich durch, sondern Geburtenüberschuss, Zähigkeit und Aggresivität gepaart mit dem allgemeinen Wahlrecht.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Sie kennen die heutige (angenehme) Seite der heterogenen Gesellschaft mit islamischen Beeinflussungen? Wenn Sie wissen wollen, wie es in 20 Jahren auch bei Ihnen aussehen könnte, dann ziehen Sie doch für ein Jahr nach Berlin Neukölln oder Duisburg Marxloh. Und falls Sie Kinder haben, bitte gleich dort an einer staatlichen Schule einschulen. Wenn Sie sich danach immer noch feuen, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben, bin ich gerne bereit, meinen Standpunkt einer Aktualisierung zu unterziehen.

  4. A. Kitzingam 30. Juli 2010 um 21:53 Uhr

    Herr Prömm,

    ich kann gut nachvollziehen, dass Sie als Siebenbürger Sachse die Migration in Deutschland eher kritisch sehen. Dennoch denke ich, dass die Situation in Rumänien gegen Ende der 80er Jahre nicht mit dem heutigen Deutschland vergleichbar ist.

    Wenn ich mir die bunt gemischte Herkunft meines Umfelds anschaue, sieht es (subjektiv) nicht danach aus, als würde eine Kultur die anderen dominieren und sich langfristig durchsetzen. Vielmehr denke ich, dass sich in einer pluralistischen Gesellschaft langfristig die Werte, Normen und Bräuche behaupten, mit denen es sich am angenehmsten leben lässt. Die zunehmende Vernetzung und (räumliche) Mobilisierung unserer Gesellschaft fördert diesen Prozess.
    Für mich persönlich kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich von kaum etwas so profitiert habe wie von der Begegnung (sowohl in Deutschland als auch im Ausland) mit Menschen aus anderen Kulturen oder mit anderen Wertvorstellungen.

    Das Problem in Stadtteilen wie Berlin Neukölln ist meiner Meinung nach übrigens eher der geringe Bildungsstand als der hohe Ausländeranteil.

  5. Hans Prömmam 2. August 2010 um 10:17 Uhr

    Ja, es kann sein, dass ich diesbezüglich traumatisiert bin. Und es wäre unserer heutigen (und vor allem der zukünftigen) Gesellschaft zu wünschen, daß ich in alten Denkmodellen analysiere und mich irre. Um in Unternehmrsprache zu formulieren: Ich bin ja gar nicht gegen ständige Marktanpasung, aber das Risiko der von den sog. 68ern begonnenen und heute ziemlich planlos umgestzten Umstrukturierung ist mir zu hoch, da sie ein altbewährtes Geschäft in zu kurzer (historisch gesehen) Zeit auf komplett neue Grundsätze stellt und die Corporate Identity der Stammbelegschaft zerstört ohne eine neue zur Verügung zu stellen. Wir spielen sozusagen vabanque – das kann man mit seinem privaten Geld tun, aber nicht mit ganzen Völkern.