Hamburger Abendblatt

Gemeinsame Nutzung: bessere Nutzung?

26. Juli 2010

Das ist kein Aufruf zum Brechen von Gesetzen. Im Gegenteil: die stetige von allen vollzogene und damit gemeinhin akzeptierte Missachtung von Verkehrsregeln oder Tempobeschränkungen ist eine Provokation. Sie fordert den Rechtsstaat hinaus. Und es ist eines Rechtsstaates unwürdig, den Rechtsbruch als Gentlemen-Delikt zu tolerieren.

Dennoch. Eine Beobachtung gibt Anlass zum Nachdenken. In Washington kümmert sich kein Fußgänger um die Ampelfarbe. Kommt kein Auto, wird die Straße überquert. Da mag das Rotlicht noch so intensiv dagegen halten. Und die Polizei schaut reaktionslos zu.
Interessant ist, dass die individuelle Rechtsbeugung der Fußgänger nicht zu einer dramatischen Zunahme der Unfälle führt.

Das wirklich Verblüffende aber ist etwas anderes. Die Autofahrer haben resigniert. Im Wissen darum, dass Fußgänger ihren eigenen Regeln folgen, rechnen sie stetig mit einem Straßenquerer, der ihnen unrechtmäßig den Vortritt raubt. Und passiert das dann auch wirklich, kommt es in der Regel nicht zu viel Aufregung. Kaum ein längeres Hupen, kaum unzweideutige Handzeichen, kaum Handgreiflichkeiten.

Welche Schlüsse lassen sich aus der Washingtoner Erfahrung ziehen? Ganz offensichtlich gibt es – vielleicht sogar wider Erwarten – auch im Straßenverkehr eine Art von Vernunft. Sie lässt einfache, pragmatische und der Situation angepasste Verhaltensweisen nicht unrealistisch werden – auch ohne entsprechende Gesetze. Die in einigen holländischen und deutschen Städten getesteten Modelle der Gemeinschaftsstraßen ohne Verkehrsschilder dafür mit gleichberechtigten Nutzern baut genau auf diese Erkenntnis. Vielleicht nicht zu unrecht.