Hamburger Abendblatt

Belohnung und Strafe

31. Juli 2010

In der Sommerhitze Washingtons beginnt der Asphalt klebrig zu werden. Wer nicht aufpasst, prägt die Struktur seiner Schuhsole auf die heiße Straße. Und trägt als Erinnerung an den Kontakt Schmauchspuren ähnliche, schwarze, ölige Rückstände als hässliche Erinnerungen mit sich fort. Besonders gefährdet sind die attraktiven High-Heels. Die spitzen Stöckelabsätze perforieren erst die Oberfläche. Dann verursachen sie stellenweise beträchtliche Löcher. Schließlich brechen sie durch und bleiben stecken.
In diesem Umfeld erhält momentan die 17. Straße Nordwest einen neuen Belag. Die Hitze in der Stadt ist eh schon gewaltig. Hinter der Asphaltmischanlage ist sie unerträglich. Trotzdem wird gearbeitet. Und zwar nahezu rund um die Uhr, Wochenenden inbegriffen. Auch in den unmenschlich heißen Nachmittagsstunden.
Man frägt sich, wie man Menschen findet, die bereit sind, als Straßenbauer unter solch widrigen Umständen zu arbeiten. Die Antwort ist einfach. Der Auftraggeber setzt auf das Prinzip von Belohnung und Strafe. Bei Vertragsabschluss einigen sich die Stadtbehörden mit dem Bauunternehmen auf einen Fertigstellungstermin. Gleichzeitig wird eine Vereinbarung geschlossen. Ist die Straße früher fertig, gibt es für jeden Tag eine zusätzliche Zahlung von der Stadt an die Firma. Verzögert sich die Fertigstellung, verringert sich die Zahlung der Stadt mit jedem Tag.
Damit nicht genug. Die Baufirma macht nämlich nun dasselbe mit ihren Beschäftigten. Schon bei der Stellenausschreibung wird damit geworben, dass gewaltige Boni bezahlt werden, wenn gut und – vor allem – besonders schnell gearbeitet wird. Also: den Bautrupps wird nur ein vergleichsweise bescheidenes Minimum garantiert. Kommen sie rascher voran als von den Chefs vorgegeben, steigt das Gehalt dramatisch an. Nach zugegebenermaßen nicht wirklich belastbaren oder gar verallgemeinerbaren Einzelaussagen können die Boni den Grundlohn mehr als verdoppeln. Das schafft dann ganz offensichtlich die Anreize, auch nachmittags um vier Uhr bei einer Lufttemperatur von bereits mehr als 40° die irgendwo zwischen 150° und 200° heiße, klebrige Asphaltmaße auf der 17. Straße Nordwest zu einem neuen, planen Belag zu verdichten.
Wer dem Treiben lange genug zugesehen hat, überlegt sich, wieweit das System von Belohnung und Strafe getrieben werden könnte und vielleicht auch sollte, damit es auch in Deutschland möglich würde, rund um die Uhr Straßen zu bauen und zu reparieren. Vor allem, wenn es um dicht befahrene, hoch ausgelastete Autobahnen geht.