Hamburger Abendblatt

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Der amerikanische Optimismus

1. August 2010

Nach einem halben Jahr heißt es Abschied nehmen von Washington. Vieles bleibt als prägende Erinnerung. Manches wird fehlen. Einiges ist man froh, hinter sich zu lassen. Eines jedoch wird man besonders vermissen: den lebensbejahenden, oft erschreckend naiven, aber gerade deswegen so unerschütterlichen Optimismus, der für so viele Amerikaner(innen) so typisch ist.

Die USA sind aus dem Nichts als Senkrechtstarter in weniger als 200 Jahren zum politisch mächtigsten und wirtschaftlich stärksten Land der Erde aufgestiegen. Was kann da in Zukunft schon oder noch schief gehen? Der mit den Erfolgen der Vergangenheit begründete Optimismus führt für zur festen Überzeugung, dass man auch kommenden Herausforderungen gewachsen sein wird. Dass man es schon irgendwie schaffen wird. So oder so.

Der Optimismus im Denken führt zu einem Pragmatismus im Tun. Es ist kein Problem, Probleme zu bewältigen. Probleme sind nicht eine Gefahr. Sie sind eine Herausforderung. Eine Analyse des Problems ist gut und wichtig. Eine Lösung ist besser. Perfektionismus ist wunderbar. Aber vielleicht genügt ja vorerst auch ein brauchbares Provisorium. Das dafür schnell und zweckmäßig verfügbar ist. Der Glaube an die Machbarkeit findet sich tagein, tagaus an unterschiedlichsten Stellen und in verschiedensten Situationen.

Faszinierend ist, dass die Ursprünge des Strebens nach besseren Lösungen für tägliche Herausforderungen einer Siedlergeneration entstammen, die vor allem aus Kontinentaleuropa und damit auch aus Deutschland kam. (Deutsche) Tüftler und Erfinder, Menschen, die nach neuen Technologien und Techniken suchten, fanden in der Neuen Welt ein paradiesisches Betätigungsfeld. Die (deutschen) Pioniere machten Amerika zu dem, was es dann für viele auch tatsächlich geworden ist: ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Die nach vorne strebenden Pioniere sind heutzutage in Deutschland seltener geworden. Aber man findet sie noch immer bei kleinen, mittelständischen Industriebtrieben. In den USA hingegen haben es Pioniere aus aller Welt immer noch einfacher. Man findet sie deswegen öfter. Auch im Alltag. Und zwar überall da, wo es um zweckmäßige, der Situation angemessene Lösungen für ganz einfache ökonomische, gesellschaftliche aber auch zwischenmenschliche Herausforderungen geht. Da, wo es schlicht darum geht, anzupacken, Probleme zu lösen und nicht darum, über sie zu lamentieren.

Ebenso unverkrampft gilt in den USA, dass alles erlaubt ist, was nicht verboten wurde (im Gegensatz zu Europa, wo eher als verboten gilt, was nicht erlaubt wurde). Das schafft ein Umfeld, das für Neuerungen offen ist. Man wagt etwas, probiert und schaut, was raus kommt. Hat man Erfolg, wird aus der Geschäftsidee ein Business. Scheitert man, ist es kein Unglück. Man lernt (hoffentlich) aus den Fehlern und macht es ein nächstes Mal besser. Kritisch ist nicht das Hinfallen, sondern das Liegenbleiben. Wer wieder aufsteht, muss nicht gegen Schadenfreude kämpfen, sondern darf mit Anerkennung rechnen.

Der Optimismus und die Offenheit dem Neuen gegenüber lassen sich tagtäglich und bei jeder Gelegenheit, auf der Straße, im Bus, in der Metro, in den Geschäften und überall sonst an zwei ganz klar erkennbaren Erscheinungen fest machen:

Einmal haben Amerikanerinnen sichtbar mehr Kinder als Deutsche. Trotz aller Unsicherheiten und wirtschaftlichen Sorgen, die es selbstredend auch in den USA zur Genüge gibt. In USA bringen 100 Frauen im Durchschnitt 210 Kinder zur Welt. Das ist leicht mehr als notwendig, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten. In Deutschland hingegen haben 100 Frauen weniger als 140 Kinder. Das bedeutet: 100 Müttern von heute folgen nur 70 Töchter. Damit „fehlen“ pro Generation 30 junge Frauen, die ihrerseits wieder Kinder haben könnten. Kein Wunder schrumpft und als Folge davon altert die deutsche Bevölkerung! Ganz offensichtlich lassen sich junge Amerikaner(innen) nicht so sehr von der Zukunft verunsichern, wie ihre deutschen Alterskolleg(inn)en. Und noch einmal: oft ist die Erfüllung des Kinderwunsches nicht so sehr das Ergebnis eines rationalen, tief durchdachten und durchgerechneten hoch komplexen Entscheidungsprozesses (dem dann, wenn es endlich sein soll oft unerwartete biologisch-medizinische Hemmnisse entgegenstehen). Nicht selten ist es eine ebenso schlichte wie einfache Neugier. Eben genau ein pragmatisches, vielleicht schon fatalistisches „warum nicht?“.

Ein zweites im Alltag auf Schritt und Tritt erkennbares Phänomen ist die bunte Vielfalt der Bevölkerung. Man kann gehen, wohin man will. Nichts ist unmöglich. Überall trifft man die ganze Farbpalette, die diese Erde zu bieten hat. Am besten sichtbar an den ethnisch-geprägten Restaurants. Kaum ein Kulturkreis, der nicht seine Spezialitäten anbietet. Keine Geschmacksrichtung, die nicht abgedeckt wird. Und hinter dem Essen, das auf den Tisch kommt, sorgt eine ganze Armada von Helfern für das Entstehen ethnisch-geprägter Teil-Märkte. Chinatown oder Japantown waren gestern. Heute sind Korea, Vietnam, Kambodscha und selbst Burma oder Nepal angesagt. Morgen werden es andere Ethnien sein, die ihren sichtbaren und damit auch spürbaren Beitrag zur amerikanischen Wertschöpfung beitragen werden.

Europa hat eine unendlich lange Geschichte. Die USA können da in keiner Weise mithalten. Umso stärker ist der amerikanische Wille, eine lange und natürlich erfolgreiche Zukunft vor sich zu haben. Die Vergangenheit ist wichtig. Aber sie kann nicht mehr verändert werden. Die Zukunft hingegen ist gestaltbar. Deshalb wird weniger zurück, als vielmehr nach vorne geschaut. Deshalb geht es in den USA weniger darum, Altes zu bewahren, als Neues zu schaffen. Deshalb wird weniger danach gestrebt, verhindern zu wollen, was nicht verhindert werden kann, und es wird mehr dafür getan, mit den unvermeidbaren Veränderungen gut leben zu können und daraus das Beste zu machen. Also lieber im heißen Sommer beginnen, einen Pullover zu stricken oder eine Heizung einzubauen, anstatt darüber zu klagen, dass bald der kühle Herbst und der kalte Winter kommen werden. Optimismus und Pragmatismus spielen in den USA eine wichtige Rolle. Etwas mehr von beiden könnte Europa nicht schaden.

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Belohnung und Strafe

31. Juli 2010

In der Sommerhitze Washingtons beginnt der Asphalt klebrig zu werden. Wer nicht aufpasst, prägt die Struktur seiner Schuhsole auf die heiße Straße. Und trägt als Erinnerung an den Kontakt Schmauchspuren ähnliche, schwarze, ölige Rückstände als hässliche Erinnerungen mit sich fort. Besonders gefährdet sind die attraktiven High-Heels. Die spitzen Stöckelabsätze perforieren erst die Oberfläche. Dann verursachen sie stellenweise beträchtliche Löcher. Schließlich brechen sie durch und bleiben stecken.
In diesem Umfeld erhält momentan die 17. Straße Nordwest einen neuen Belag. Die Hitze in der Stadt ist eh schon gewaltig. Hinter der Asphaltmischanlage ist sie unerträglich. Trotzdem wird gearbeitet. Und zwar nahezu rund um die Uhr, Wochenenden inbegriffen. Auch in den unmenschlich heißen Nachmittagsstunden.
Man frägt sich, wie man Menschen findet, die bereit sind, als Straßenbauer unter solch widrigen Umständen zu arbeiten. Die Antwort ist einfach. Der Auftraggeber setzt auf das Prinzip von Belohnung und Strafe. Bei Vertragsabschluss einigen sich die Stadtbehörden mit dem Bauunternehmen auf einen Fertigstellungstermin. Gleichzeitig wird eine Vereinbarung geschlossen. Ist die Straße früher fertig, gibt es für jeden Tag eine zusätzliche Zahlung von der Stadt an die Firma. Verzögert sich die Fertigstellung, verringert sich die Zahlung der Stadt mit jedem Tag.
Damit nicht genug. Die Baufirma macht nämlich nun dasselbe mit ihren Beschäftigten. Schon bei der Stellenausschreibung wird damit geworben, dass gewaltige Boni bezahlt werden, wenn gut und – vor allem – besonders schnell gearbeitet wird. Also: den Bautrupps wird nur ein vergleichsweise bescheidenes Minimum garantiert. Kommen sie rascher voran als von den Chefs vorgegeben, steigt das Gehalt dramatisch an. Nach zugegebenermaßen nicht wirklich belastbaren oder gar verallgemeinerbaren Einzelaussagen können die Boni den Grundlohn mehr als verdoppeln. Das schafft dann ganz offensichtlich die Anreize, auch nachmittags um vier Uhr bei einer Lufttemperatur von bereits mehr als 40° die irgendwo zwischen 150° und 200° heiße, klebrige Asphaltmaße auf der 17. Straße Nordwest zu einem neuen, planen Belag zu verdichten.
Wer dem Treiben lange genug zugesehen hat, überlegt sich, wieweit das System von Belohnung und Strafe getrieben werden könnte und vielleicht auch sollte, damit es auch in Deutschland möglich würde, rund um die Uhr Straßen zu bauen und zu reparieren. Vor allem, wenn es um dicht befahrene, hoch ausgelastete Autobahnen geht.

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Von Washington in die Unsterblichkeit und zurück

29. Juli 2010

Bekanntlich kam Christus nur bis Eboli. So mindestens sah es Francesco Rosi in seinem tief traurigen aber vielfach ausgezeichneten Film über ein süditalienisches Dorf, das von der Geschichte der menschlichen Zivilisationsentwicklung irgendwie vergessen wurde. Da hat es Jim Morrison weiter gebracht. Viel weiter. Sogar mit Porträt und Namensnennung auf eine Briefmarke der Deutschen Bundespost. Eine exklusive Ehre, die in der deutschen Postgeschichte sonst kaum bis nie einem Zeitgenossen widerfahren ist.

Das hätte dem scheuen Musiker zunächst niemand zugetraut. Dabei hatte er einen ganz engen Bezug zu George Washington. Er besuchte nämlich die nach dem ersten US-Präsidenten benannte High School in Alexandria, dem südlichen Vorort der heutigen Bundeshauptstadt. Erst nach Irrungen und Wirrungen, einem Hochschulabschluss an der renommierten University of California in Los Angeles (UCLA) und existenziellen Geldnöten wurde Jim Morrison dann Frontmann, Liedermacher und Texter der Gruppe „The Doors“.

Seine dem Zeitgeist zunächst widersprechenden und später ihn neu prägenden Songs haben Generationen von jungen Menschen weltweit in Bann gezogen. Nicht nur in USA. Kein Wunder ist aus dem Rebellen von einst heute auch in Washington eine Kultfigur geworden. Mindestens für die Nach-68er. Und die sitzen jetzt immerhin an den Hebeln der Macht in Amerika.

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