Hamburger Abendblatt

Allgemein

Die bunte Vielfalt des neuen Bundespräsidenten

28. Juli 2010

Sehr geehrter Herr Prömm,

mit Ihrem Kommentar vom 25. Juli zu meinem Blog „Multikultureller Alltag“ vom 24. Juli treffen Sie ins Schwarze.
Ihnen sind drei Fragen wichtig: „1. Wie möchten wir leben, d.h. welche Werte, Normen und Sitten sollen unser Gemeinwesen prägen? 2. Welcher Identitäts-Gruppe (”Wir-Gefühl”) gehört die Burkaträgerin an und 3. Was für Auswirkungen hat diese Gruppe auf unser Staatswesen?“

Und weiter fragen Sie: „ … Wollen Sie nach deren Regeln leben? Sind Sie sicher dass die unseren Kindern erlauben werden, weiterhin nach unseren Regeln zu leben? Kennen Sie die gruppendynamischen Prozesse, die bis dahin ablaufen werden? Wissen Sie genau, was dieses Experiment unseren Kindern bringen wird?“

Ihre Fragen finde ich sehr klug. Und ich habe keine kurzen, einfachen Antworten parat. Wie Sie halte ich die Fragen jedoch für unverzichtbar. Genau deshalb wundere ich mich, wie selten sie gestellt werden. Eines aber weiß ich ganz sicher: eine Verdrängung dieser Fragen ist keine gute Strategie. Denn ein weiteres ist gewiss: Die Heterogenität der deutschen Gesellschaft wird weiter zunehmen, so oder so. Der gemeinsame Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, wird abnehmen, so oder so. Der relative Anteil der Menschen, die nicht an Christus glauben, sondern anderen Glaubens oder auch des Nicht-Glaubens sind, wird zunehmen, so oder so.
Deshalb bin ich überzeugt, dass eine positive, die Unterschiede akzeptierende Herangehensweise die bessere Verhaltensweise ist als eine ablehnende, die Unterschiede verdrängende oder korrigierende Haltung. Also: das Beste aus der Vielfalt machen statt an einer falschen Illusion der nicht mehr gegebenen Homogenität festhalten.

Deshalb setze ich so große Hoffnungen in den neuen Bundespräsidenten. Noch am Tage seiner Wahl hatte er darüber gesprochen, dass Parallelgesellschaften am besten durch ein Aufeinanderzugehen verhindert werden. Er wolle „ein Bundespräsident aller in Deutschland lebenden Menschen sein.“ Und eben nicht nur ein Präsident aller Deutschen. Das ist der richtige Ansatz!

Gemeinsame Nutzung: bessere Nutzung?

26. Juli 2010

Das ist kein Aufruf zum Brechen von Gesetzen. Im Gegenteil: die stetige von allen vollzogene und damit gemeinhin akzeptierte Missachtung von Verkehrsregeln oder Tempobeschränkungen ist eine Provokation. Sie fordert den Rechtsstaat hinaus. Und es ist eines Rechtsstaates unwürdig, den Rechtsbruch als Gentlemen-Delikt zu tolerieren.

Dennoch. Eine Beobachtung gibt Anlass zum Nachdenken. In Washington kümmert sich kein Fußgänger um die Ampelfarbe. Kommt kein Auto, wird die Straße überquert. Da mag das Rotlicht noch so intensiv dagegen halten. Und die Polizei schaut reaktionslos zu.
Interessant ist, dass die individuelle Rechtsbeugung der Fußgänger nicht zu einer dramatischen Zunahme der Unfälle führt.

Das wirklich Verblüffende aber ist etwas anderes. Die Autofahrer haben resigniert. Im Wissen darum, dass Fußgänger ihren eigenen Regeln folgen, rechnen sie stetig mit einem Straßenquerer, der ihnen unrechtmäßig den Vortritt raubt. Und passiert das dann auch wirklich, kommt es in der Regel nicht zu viel Aufregung. Kaum ein längeres Hupen, kaum unzweideutige Handzeichen, kaum Handgreiflichkeiten.

Welche Schlüsse lassen sich aus der Washingtoner Erfahrung ziehen? Ganz offensichtlich gibt es – vielleicht sogar wider Erwarten – auch im Straßenverkehr eine Art von Vernunft. Sie lässt einfache, pragmatische und der Situation angepasste Verhaltensweisen nicht unrealistisch werden – auch ohne entsprechende Gesetze. Die in einigen holländischen und deutschen Städten getesteten Modelle der Gemeinschaftsstraßen ohne Verkehrsschilder dafür mit gleichberechtigten Nutzern baut genau auf diese Erkenntnis. Vielleicht nicht zu unrecht.

  • Allgemein
  • Kommentare deaktiviert für Gemeinsame Nutzung: bessere Nutzung?

Multikultureller Alltag

24. Juli 2010

Es ist heiß. Sehr heiß. Das Thermometer am Dupont Circle zeigt 104° Fahrenheit, also 40° Celsius. Viel trinken ist angesagt. Also haben die Getränkeverkäufer reichlich Zulauf. So auch Starbucks, der Platzhirsch. Die Warteschlange ist schon beträchtlich. Nun wird sie aber richtig lange. Der Grund: eine sich durch ihre Kopf und Körper verhüllende Kleidung auch äußerlich zu ihrem Glauben bekennende Frau ist unschlüssig. Mehrmals wechselt sie ihre Bestellung. Mal will sie Eis, dann doch wieder nicht. Erst will sie Mocca, dann doch lieber Karamell. So eine richtig unbeholfene Konservative. Denkt der vorurteilsbelastete Europäer. Dann hat sie, was sie will. Nimmt ihre drei Getränke. Geht hin zu ihrem Tisch. An dem sitzen bereits zwei mehr als gut aussehende, junge, urbane, topmodisch gekleidete David Beckham-Typen, als wären sie Klonen des frühen Spice Boys. Die Frau verteilt die Plastikbecher, nimmt Platz, und subito geht es los mit Geschnatter (im amerikanischen Slang der Einheimischen) und Gelächter. Wenn das der moderne Konservatismus sein soll, dann lohnt es sich, alte Vorurteile über Bord zu werfen.

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »