Hamburger Abendblatt

Streng geheime Parallelwelt

22. Juli 2010

Der Vater, der ein Stasi war, was niemand wusste, nicht einmal seine Ehefrau. Der Nachbar, der akribisch notierte und meldete, wer, wann, wie lange zu Besuch kommt. Die Abhörstation auf dem Dachboden. Erschütternde Dramen über (missbrauchtes) Vertrauen und Verrat, die nun mehr oder weniger bekannt wurden. Meisterhaft verfilmt von Florian Henckel von Donnersmarck in „Das Leben der Anderen“.

Informelle Mitarbeiter, geheimnisvolle Doppelleben und dunkle Parallelwelten sind in der Regel typisch für Diktaturen. In Demokratien sollten sie die aufs Engste begrenzte Ausnahme bleiben. Umso elektrisierender ist nun, was die Washington Post seit Anfang dieser Woche macht. Sie publiziert auf der Startseite ihrer Homepage die Ergebnisse zweijähriger Recherchen. Mehr als ein Dutzend Journalist(inn)en haben in akribischer Kleinarbeit zusammengetragen, was in USA seit „Nine-Eleven“, den Terroranschlägen des 11. September 2001, von nationalen Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten an Material über das Leben der Anderen gesammelt und ausgewertet wird.

Was das Team der Washington Post aufdeckt, ist schlicht eine Sensation. Es ist investigativer Journalismus vom Besten. Nicht weit weg von Watergate. Alleine schon die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 850.000 Amerikaner(innen) haben den Status von offiziellen Geheimnisträgern. Tausende von Organisationen stehen mit hoheitlicher Genehmigung und entsprechenden Kompetenzen im Kampf gegen Terrorismus und für die nationale Sicherheit.

Die Titelgeschichte vom Mittwoch: Geheimnisse in der Nachbarschaft. Sie erinnert Europäer an die Zeiten des Kalten Kriegs. Als auch hierzulande, Häuser von nebenan Attrappen waren, die lediglich eine Hülle für geheime Kommandoposten abgaben. In USA gibt es sie noch immer. Und seit 9/11 zunehmend. Die Enthüllungen der Washington Post werfen die Frage auf, ob ein derartig mächtiger Geheimkomplex tatsächlich die Sicherheit der Menschen stärkt. Oder ob er nicht seinerseits zur Gefahr wird. Es lohnt sich, die Ergebnisse der Washington Post zu verfolgen. Auch außerhalb der USA.

Quelle: http://projects.washingtonpost.com/top-secret-america/

  • Allgemein
  • Kommentare deaktiviert für Streng geheime Parallelwelt

Hauptsache beschäftigt

20. Juli 2010

Job oder Lohn? Für Amerikaner ist die Wahl in aller Regel klar. Hauptsache, beschäftigt. Selber in der Lage zu sein, die Grundlagen für das eigene Leben zu sichern, steht ganz oben auf der Wunschliste. Die Höhe des Lohns ist zwar auch wichtig. Sie folgt aber meist erst an zweiter Stelle. Manchmal sind sogar andere Aspekte viel wichtiger: das Klima am Arbeitsplatz, die Aufstiegsmöglichkeiten, flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit des Home Office, also das Angebot, von zu Hause aus zu arbeiten. Vieles mehr spielt eine wesentliche Rolle. Deshalb kann sich kaum jemand vorstellen, dass Löhne zentral und weit weg von einzelnen Betrieben ausgehandelt werden.

(Tiefe) Mindestlöhne ja! Alles andere möge bitte an Ort und Stelle geregelt werden. Verblüffend ist, dass dennoch nur gerade 1-2% aller Beschäftigten mit dem Mindestlohn Vorlieb nehmen müssen. Der überragende Teil verdient deutlich mehr als das Minimum.
Natürlich finden auch schlecht bezahlte Tätigkeiten eine Nachfrage, gerade weil beschäftigt zu sein so wichtig ist. Oft werden sie jedoch als Zweitjobs oder von Familienmitgliedern erledigt, die daneben noch andere Einkommensquellen haben. Nicht selten aber sind sie auch die einzige Möglichkeit, durch eigene Arbeit Geld zu verdienen. Und trotzdem wird schlecht bezahlte Arbeit nicht die Regel, sondern bleibt die Ausnahme.

Denn wer schlecht bezahlt wird, setzt alles daran, eine schlecht bezahlte Arbeit nicht lange ausüben zu müssen. Es wird ständig nach besseren Jobs Ausschau gehalten. Winkt die Chance auf einen höheren Verdienst anderswo, wird rasch und ohne langes Zögern zugegriffen. So hangelt man sich langsam die Tätigkeitsleiter hoch. Vom Tellerwäscher zum Millionär ist zwar in der Realität die absolute Ausnahme, auch in USA. Aber zum Chef der Küchenreiniger und dann langsam zu noch besser bezahlten Jobs schaffen es viele, die ganz unten angefangen haben.

Und weil die Arbeitgeber wissen, dass gute Mitarbeiter nicht lange bleiben, wenn sie schlecht bezahlt sind, und man dann nur auf den schlechteren „sitzen“ bleibt, gehen sie häufig selber in die Offensive. Sie machen motivierten oder leistungsfähigen Arbeitnehmern freiwillig attraktivere Angebote. Damit die Besseren bleiben und Kosten einer neuen Suche und einer Einarbeitung gespart werden können. Und übrigens: wehe, ein guter Angestellter fühlt sich (zu) schlecht bezahlt. Er wird sofort Forderungen nach einer Verbesserung zu stellen beginnen.

Die amerikanische Erfahrung führt zu einer wichtigen Erkenntnis: Lohnverhandlungen an Ort und Stelle im einzelnen Betrieb führen nicht zu Ausbeutung und Hungerlöhnen. Sie geben aber vielen besser Qualifizierten eine Chance, in den Arbeitsmarkt einzusteigen, die sie sonst vielleicht nicht hätten. Und für die schlechter Qualifizierten schaffen sie Beschäftigungsmöglichkeiten (die beispielsweise in Deutschland längst durch Maschinen oder Automaten wahrgenommen werden) und damit Gelegenheiten, eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Zwar nicht viel, aber für viele dennoch besser als ohne Jobs und damit ohne Geld zu bleiben.

Weg mit den Scheuklappen!

19. Juli 2010

Sehr geehrter OH,

Sie haben mit Ihrem Kommentar vom 14. Juli zu meinem Bericht über das „Deutschland Bashing“ vom 22. Juni so recht! Es ist an der Zeit, den hinterwäldlerischen Dogmatismus über Bord zu werfen. Weg mit den Scheuklappen! Her mit dem Pragmatismus! Dennoch sollte man sich bei aller Offenheit für neue wirtschaftspolitische Konzepte an die empirischen Erkenntnisse halten. Und hier macht es sich der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman mit seinem Frontalangriff auf die deutsche Wirtschaftspolitik nicht nur in der aggressiven Wortwahl zu einfach. Er verdreht schlicht Ursache und Wirkung. Deshalb hat ihm der Vorsitzende des deutschen Sachverständigenrates, Wolfgang Franz, in einem Gastbeitrag fürs Handelsblatt vom 23. Juni zu recht geantwortet:“ Wie wäre es mit Fakten, Herr Krugman?“*

Vor allem bleibt die Frage offen, warum es gerade noch mehr von der Medizin sein soll, die in der Vergangenheit anstatt die Krankheit zu heilen, erst recht zu einem Kollaps führte. Es war ausgerechnet die heute von Krugman erneut zur Problemlösung geforderte expansive Makropolitik zur Bewältigung der New Economy-Krise, die zur Finanzmarktkrise und zur stärksten Rezession der Nachkriegszeit führte.

Die Immobilienkrise und die anschließende Finanzmarktkrise hatten rein gar nichts mit dem Exportüberschuss Deutschlands oder mit der Vorsicht vor schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen zu tun, aber sehr viel mit einer Geldpolitik, die ein Leben auf Pump ermöglichte und neue Blasen aufblähte. Die bei zu tiefen Zinsen der Notenbank Anlagen in risikoreichere Geschäfte provozierte. Und einer Fiskalpolitik eines in der Außenpolitik wenig erfolgreichen amerikanischen Präsidenten, der wenigstens im Inland Ruhe haben wollte. Wie sonst kann man sich eine staatliche Politik zur Förderung privaten Wohneigentums erklären, die auch Hypotheken an Haushalte ohne eigenes Vermögen förderte?

Es bleibt dabei: Die Krise hatte ihren Ursprung in den USA, nicht in Deutschland. Deshalb ist und bleibt die Kritik von Paul Krugman an der deutschen Wirtschaftspolitik so einseitig.

* Quelle: http://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/oekonomie-wie-waere-es-mit-fakten-herr-krugman;2605582

  • Allgemein
  • Kommentare deaktiviert für Weg mit den Scheuklappen!

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »